Psychotherapie auf Abwegen

Psychotherapie auf Abwegen

Als ich meine fünfjährige Ausbildung zur Naturtherapeutin abgeschlossen hatte, war die Sache für mich klar: Psychotherapie ist die Kunst, eine persönliche Beziehung zwischen KlientIn und TherapeutIn zu gestalten. Einen Raum von Offenheit und Wertschätzung zu schaffen, in dem sich die KlientInnen gesehen fühlen und erleben können. Diese Beziehung, so hatte ich gelernt, ist das, was heilsam wirkt. Diese Überzeugung wurde aber schon bald irritiert durch die Inhalte, die an der Heilpraktiker-Schule vermittelt wurden: Für die Überprüfung vor dem Gesundheitsamt musste ich lernen, menschliches Erleben in Kategorien einzuteilen, zwischen „krank“ und „gesund“ zu unterscheiden und störungsspezifische Psychotherapie-Ansätze vorzuschlagen. Ich habe es gelernt. Aber als Vertreterin einer humanistischen Form von Psychotherapie störe ich mich nach wie vor an diesem rein medizinischen Verständnis von Psychotherapie.

Psychotherapie, eine Wissenschaft?

In §1, Art. 3 des Psychotherapeutengesetzes heißt es:

„Ausübung von Psychotherapie im Sinne dieses Gesetzes ist jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist.“

Der Kern der offiziellen Definition von Psychotherapie ist also die Anwendung von „wissenschaftlich anerkannten“ Verfahren. Ein naturwissenschaftlicher Blickwinkel, für den nur gilt, was anhand empirischer Daten darstellbar und im Doppelblindtest wiederholbar ist, wurde mit dem Psychotherapeutengesetz von 1999 zum alleinigen Maßstab für psychotherapeutisches Handeln erklärt.

Was mich daran stört? Wenn ich „mittels wissenschaftlich anerkannter Verfahren“ an einem anderen Menschen eine „Tätigkeit vornehme“, dann wird dieser Mensch zum Gegenstand meiner Tätigkeit, zum Objekt. Die Beziehung zu ihm beruht dann auf objektiven naturwissenschaftlichen Grundlagen und suggeriert eine Heilung durch meine Behandlung. Dies entspricht dem klassischen Behandlungsansatz der Medizin, der davon ausgeht, dass der Arzt/Experte den Patienten/Laien heilen kann, indem er das passende Medikament für seine spezielle Krankheit verordnet. Es entspricht jedoch nicht dem jahrzehntelangen Selbstverständnis von PsychotherapeutInnen und noch nicht einmal den Erkenntnissen der Wirksamkeitsforschung. Die empirische Wissenschaft selbst liefert nämlich gute Argumente gegen die Übertragung dieses „Behandlungs“- Ansatzes der Medizin auf die Psychotherapie. Der amerikanische Psychotherapieforscher Prof. Hans H. Strupp beschreibt die Quintessenz seiner umfangreichen empirischen Forschung z.B. so:

„Meiner Meinung nach erreicht Therapie Folgendes: der Patient und der Therapeut treten in eine Beziehung zueinander ein, der Patient fasst Vertrauen zum Therapeuten, der Therapeut ist empathisch und verständnisvoll und hört zu. Unter diesen Umständen hat der Patient ein neues Erlebnis, eine neue Erfahrung von einer zwischenmenschlichen Beziehung. In diesem Kontext kann der Patient Vertrauen entwickeln, sich Problematisches anschauen und Fortschritte machen, was sich dann in seinen Beziehungen zu anderen Menschen auswirkt. Das Wesentliche ist: die Therapie ist weniger eine Behandlung als vielmehr ein Erleben.“

Durch seine Wirksamkeitsstudien kam Strupp zu dem Ergebnis, dass der Erfolg einer Psychotherapie weniger von einem bestimmten Verfahren, sondern vielmehr von der Person des Psychotherapeuten und der Qualität der Therapeut-Klient (nicht Patient!)- Beziehung abhängt. In der Folge stellte er fest:

„Unsere Gesellschaft hat dafür wenig Verständnis, denn die logische Folgerung davon wäre, daß die Psychotherapie eben eine menschliche Beziehung ist und keine medizinische Behandlung.“

Diese Erkenntnis steht auch im Widerspruch zu unserem Krankenkassen-System, das per Definition dafür geschaffen ist, medizinische Behandlungen zu finanzieren.

Die Kraft der „dritten Richtung“

Seit der Nachkriegszeit sind nahezu alle bedeutsamen psychotherapeutischen Entwicklungen unabhängig vom medizinischen System entstanden. Die Psychotherapie als eigenständiges Fachgebiet bezog ihre Erkenntnisse schon immer hauptsächlich aus der praktischen Erfahrung, nicht aus der medizinischen oder psychologischen Forschung.

Vor allem die humanistische Psychologie hat seit den 50er Jahren viel dazu beigetragen, dass Psychotherapie in die Gesellschaft integriert wurde. Humanistische Ansätze werden häufig als Gegenentwurf oder „dritte Richtung“ neben der Verhaltenstherapie und der Psychoanalyse bezeichnet. Was diesen Gegenentwurf ausmacht, beschreibt eine Resolution der „American Association of Humanistic Psychology“ von 1962:

„Die Humanistische Psychologie beschäftigt sich vor allem auch mit jenen menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die kaum einen oder keinen systematischen Ort haben, weder in der positivistischen oder behavioristischen Theorie, noch in der klassischen psychoanalytischen Theorie; z.B. Liebe, Kreativität, Wachstum, Organismus, Erfüllung grundlegender seelischer Bedürfnisse, höhere Werte, Selbstverwirklichung, Natürlichkeit, Herzenswärme, Bedeutung u.a.“

Der Kontrast zur medizinischen Sichtweise „psychischer Störungen“ könnte nicht größer sein.

Psychotherapie, eine Kunst!

„Therapie“ bezeichnet im ursprünglichen Wortsinn eine begleitende, dienende Beziehung (griech. „therapéia“). Der „therápon“ ist in der direkten Übersetzung ein „Begleiter“ oder „Gefährte“. Auch „psyche“ leitet sich aus dem Griechischen ab und heißt „Seele“. Psychotherapie im ursprünglichen Sinne bedeutet also: Begleitung von Menschen in ihrem seelischen Erleben.

Psycho-logie ist dementsprechend das Studium der Seele (nicht des Verhaltens!) und ist vor allem ein Studium des subjektiven Erlebens. Nach diesem humanistischen Verständnis ist Psychotherapie den seelischen, also allersubjektivsten, Aspekten des Menschen zugewandt. Ein objektiviertes wissenschaftliches Verfahren kann diesem Anspruch schon vom Grundansatz her nicht gerecht werden. Milton Erickson, der Begründer der Hypnotherapie, schrieb:

„Psychotherapeuten können sich nicht auf generelle oder standardisierte Verfahren verlassen… Psychotherapie ist nicht die bloße Anwendung von Kenntnissen und Prinzipien, die von Akademikern in kontrollierten Laborversuchen entdeckt wurden. Jede psychotherapeutische Begegnung ist einmalig …“.

Der berühmte Schweizer Psychotherapeut Carl Gustav Jung forderte daher, für jeden Klienten eine eigene Therapie zu entwickeln:

„Für mich gibt es dem Individuum gegenüber nur das individuelle Verstehen. Für jeden Patienten braucht man eine andere Sprache. So kann man mich in einer Analyse auch adlerianisch reden hören oder in einer anderen freudianisch. Der entscheidende Punkt ist, dass ich als Mensch einem anderen Menschen gegenüberstehe …“.

Die therapeutische Rolle und Aufgabe ist auch keine Erfindung der Neuzeit, sondern tief in der menschlichen Natur verwurzelt: In unzähligen Mythen und Märchen gibt es den Archetyp des „Psychotherapeuten“, der den Helden auf seiner Reise unterstützend begleitet. Offenbar hat die Menschheit einer solchen heilsamen Begegnung in schwierigen Lebensphasen immer schon eine große Bedeutung beigemessen.

In unserem Zeitalter des „Machens“ verkommt die Psychotherapie jedoch immer mehr zu einem strategischen „Behandlungs-Verfahren“. An die Stelle der heilsamen Beziehung treten starre Diagnosesysteme und ein hierarchisches Verhältnis zwischen „kranker PatientIn“ und „gesunder TherapeutIn“. Störungsspezifische Behandlungsvorgaben berücksichtigen nicht mehr das subjektive seelische Erleben des einzelnen Menschen, sondern scheren alle Klienten mit der gleichen Diagnose über einen Kamm. Angesichts dieser Entwicklungen sind ernsthafte Zweifel angebracht, ob die institutionalisierte Psychotherapie ihrer eigentlichen Aufgabe zukünftig überhaupt noch nachkommen kann.

Ein tiefes Bedürfnis nach Begegnung

Die Erfahrung zeigt immer wieder: Oberflächlich betrachtet beginnen viele Menschen eine Psychotherapie, weil sie unter ihren Problemen und Symptomen leiden. Aber auf einer tieferen seelischen Ebene kommen die Menschen, um in der Begegnung mit einem anderen Menschen gesehen und berührt zu werden.

Deshalb spielen Wertschätzung und Akzeptanz in der Naturtherapie eine so zentrale Rolle. Wir beachten und würdigen das Selbst der KlientInnen so lange, bis die KlientInnen selbst dazu in der Lage sind. Wir sind nicht auf schnelle Lösungen aus und wir geben auch keine Ratschläge. Sondern wir helfen dabei, sich selbst ans Herz zu wachsen und das eigene Potential zum Erblühen zu bringen.

Psychotherapie in diesem ursprünglichen, dialogischen Sinne ist vor allem an der Beziehung und der Person des Klienten orientiert. An die Stelle eines bestimmten Verfahrens tritt eher ein persönlicher Stil und, wie C.G. Jung sagte, für jeden Klienten eine eigene Sprache. Nach meinem Verständnis ist die therapeutische Beziehung weit mehr als ein Mittel zum Zweck: in ihrem heilsamen Kern ist und bleibt sie die persönliche Begegnung zweier Menschen.

 

1Kommentar

  • therapeutenseele

    30. März 2016 at 10:47 Antworten

    Ein wunderbar geschriebener Artikel! Mit der Integration der Psychotherapie in das kassenärztliche Versorgungssystem hat sich die Psychotherapieforschung den naturwissenschaftlichen Prinzipien verschrieben und muss sich nun an den Richtlinien der pharmakologischen Wirksamkeitsüberprüfung orientieren. Damit findet a priori eine Herausfilterung solcher Verfahren statt, für deren Wirksamkeitsüberprüfung die geforderten Wirksamkeitsnachweise nicht oder nur schwer zu erbringen sind. Darüber hinaus vermischen sich in der psychotherapeutischen Behandlung spezifische und unspezifische Wirkfaktoren, wobei über die unterschiedlichen Behandlungsverfahren hinweg allgemeinen Wirkfaktoren wie zum Beispiel Beziehungs- oder Therapeutenvariablen ein großer Einfluss auf das Behandlungsgeschehen zukommt. Eine umfassende Psychotherapieforschung, die die Komplexität psychotherapeutischer Behandlungsformen berücksichtigt und gleichzeitig ihre Rechenschaftspflicht gegenüber der Solidargemeinschaft der Versicherten beibehält, lässt sich anhand der aktuellen Forschungsstandards aus meiner Sicht nur schwer entwickeln.

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