„Gegenwehr bringt nichts!“ – Ein psychotherapeutischer Spaziergang

„Gegenwehr bringt nichts!“ – Ein psychotherapeutischer Spaziergang

An einem stürmischen Mittwochmorgen entscheidet sich mein Klient, die heutige Sitzung in der Natur zu verbringen. Angesichts des ungemütlichen Wetters bin ich überrascht, willige aber interessiert ein. Wie immer legen wir den Weg durchs Dorf schweigend zurück. Achtsam nimmt jeder die Atmosphäre der Umgebung ebenso wie die eigenen Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen wahr. Als wir am Feldweg ankommen, schildert der Klient sein Befinden und sein heutiges Anliegen:

Er habe starke Rückenschmerzen und fürchte, dass es sich dabei um einen erneuten Bandscheibenvorfall handeln könnte. Nächste Woche habe er einen Arzttermin, aber seine Gedanken würden schon jetzt unablässig um seine Beschwerden und mögliche Folgen (Krankengymnastik, Operation?) kreisen. Für seine Kollegen wäre eine Krankschreibung zwar kein Problem, aber er möchte nicht von der Arbeit fernbleiben, da er „nicht schon wieder krank sein will“. Außerdem finde er zu Hause ohnehin keine Ruhe wegen seiner drei Kinder- da könne er genauso gut ins Büro gehen. Er fühle sich insgesamt „zerbrechlich“. Auf mich wirkt er niedergeschlagen und ungeduldig-ärgerlich. Ich weise ihn auf einen Widerspruch hin: Auch wenn er sich nicht krank schreiben lasse, ändere das nichts daran, dass er trotzdem krank ist. Er nickt und stellt fest, dass er sich in diesem zerbrechlichen, schwachen Zustand nicht akzeptieren kann.

Achtsamkeit unterbricht Grübelschleifen

Auf meine Frage, was er jetzt brauche, antwortet er: „Stille“. Also biete ich ihm an, sich einen Platz im Wald zu suchen und die Stille zu hören. Dabei soll er besonders auf die Pausen zwischen den Geräuschen achten und wahrnehmen, wo überall Stille zu finden ist. Ich selbst setze mich in ausreichendem Abstand hin und nehme abwechselnd ihn und meine eigene Reaktion auf die Stille wahr. Nach etwa 10 Minuten bedeutet er mir, dass ich wieder zu ihm kommen könne. Er berichtet, dass die Stille in seiner direkten Umgebung sich auf ihn übertragen hätte und er sich nun etwas ruhiger fühle. Auf Nachfrage beschreibt er ein „Gefühl von Leichtigkeit im Bauch“ und lächelt. Das Rauschen in den Baumwipfeln sei dagegen für ihn etwas beängstigend gewesen („Diese Kraft und Unberechenbarkeit!“). Ich bekräftige sein Erleben mit meinen eigenen Empfindungen und frage, wie es jetzt mit seinem Grübeln stehe. „Schon viel besser. Wenn ich mich auf das Hier und Jetzt konzentriere, ist kein Platz mehr für andere Gedanken.“

Die Aufmerksamkeit richtet sich nach außen

Daraufhin schlage ich vor, in dieser achtsamen, präsenten Haltung querfeldein durch den Wald zu gehen. Er gibt den Weg vor, ich folge ihm in einigem Abstand. Unterwegs bleibt er ab und zu stehen und fragt mich nach Pflanzennamen. Als ich ihn auf einige „Reh-Betten“ hinweise, will er Näheres zur Lebensweise von Rehen wissen und entdeckt selbst noch weitere „Betten“. Schließlich wird der Wald zu undurchdringlich und wir kehren auf den Weg zurück. Er erzählt mir, dass er schon immer fasziniert von der Kraft des Windes sei. Besonders beeindrucke ihn seine Unberechenbarkeit: Man könne nicht sehen, wann die nächste Böe komme, sondern sie höchstens am Rauschen der Baumwipfel erahnen. Und obwohl der Wind unsichtbar sei habe er doch eine immense Kraft. Die Begeisterung für den Wind ist dem Klienten deutlich anzumerken. Er ist ganz in seinem Erleben.

Natur- und Selbsterleben führt zu neuen Erkenntnissen

Ich biete ihm an, den Wind etwas genauer zu erforschen und sich für seine Kraft und Unvorhersehbarkeit zu öffnen. Wie ein leichtes Insekt soll sich mein Klient vom Wind berühren und „durchpusten“ lassen. Statt gegen einen Windstoß Widerstand aufzubauen, soll er ihm diesmal nachgeben und seinen körperlichen Impulsen folgen. So stehen wir beide mitten auf dem Weg im kalten Wind und spüren seine Wirkung auf uns. Mein Klient breitet die Arme aus und dreht sich mit dem Wind. Ab und zu entfährt ihm ein Lachen, wenn ihn eine Böe besonders unvermittelt trifft. Schließlich hat er genug und wendet sich zum Gehen. Unterwegs frage ich nach seinem Erleben. Er beschreibt, dass er deutlich seine Körpergrenze wahrgenommen habe, wenn der Wind gegen ihn blies. Innerhalb seines Körpers habe er den Wind als kalte Luft in seinen Atemwegen gespürt. Emotional höre ich eine Art ehrfürchtiges Staunen heraus. „Wenn der Wind eine Stimme hätte“, frage ich ihn, „was würde er zu Ihnen sagen?“. Die Frage scheint ihn zu überraschen und er denkt eine Weile nach. Dann antwortet er: “Gegenwehr bringt nichts!“. Auf Nachfrage erläutert er, dass der Wind größer sei als er selbst und er dieser mächtigen Kraft als „kleiner Mensch“ nichts entgegen setzen könne. Der Wind sei völlig unbeeindruckt von ihm und seinem Willen, so dass er sich ebenso gut entspannen und die Kontrolle aufgeben könne. Er bestätigt, dass die Begriffe „Demut“ und „Akzeptanz“ seine Erfahrung stimmig beschreiben. „Lässt sich die Botschaft des Windes vielleicht auch auf Rückenschmerzen übertragen?“, frage ich verschmitzt. Er lacht und seufzt erkennend. „Ja, der Schmerz ist auch größer als ich. Es ist bestimmt leichter, wenn ich ihn einfach akzeptiere, statt weiter gegen ihn anzukämpfen.“

Ernte und Ausblick

Nach 75 Minuten Spaziergang sind wir wieder an meiner Praxis angekommen. Mein Klient ist von seiner Erkenntnis sichtlich beeindruckt. Und ich bin zuversichtlich, dass sie ihm helfen wird, einiges leichter zu akzeptieren: den Schmerz, die Behandlungen und auch den „zerbrechlichen“ Anteil seines Selbst. Denn darum geht es vor allem in der Naturtherapie: sich selbst kennen und lieben lernen, um das eigene Leben erfüllend und authentisch gestalten zu können.

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