Biodiversität im Kopf

Biodiversität im Kopf

Für die Jahre 2011-2020 haben die Vereinten Nationen eine Weltdekade „Biologische Vielfalt“ ausgerufen. Damit will die UN auf den zunehmenden Verlust der Biodiversität hinweisen und möglichst viele Menschen für Schutz und Erhalt der biologischen Vielfalt gewinnen: „Am Ende des Jahrzehnts sollen mehr Menschen wissen, was biologische Vielfalt ist, warum wir sie brauchen und wie jeder etwas dazu beitragen kann, sie zu erhalten.“ (Geschäftsstelle UN-Dekade Biologische Vielfalt).

Was ist mit Biodiversität/ biologischer Vielfalt gemeint?

Die Begriffe stammen ursprünglich aus der Biologie, werden heute aber vor allem in einem umweltpolitischen Sinne gebraucht. Gemeint ist der Facettenreichtum an unterschiedlichen Lebensformen und Lebensräumen sowie die genetische Vielfalt von Tieren, Menschen und Pflanzen. In Zeiten von gentechnisch manipuliertem und patentiertem Saatgut, Zerstörung artenreicher Regenwälder und Verdrängung indigener Kulturen wird die einstmals große Vielfalt auf unserem Planeten immer weiter dezimiert. Die Folge ist, dass das ökologische Gleichgewicht zunehmend aus den Fugen gerät. Wo früher eine Vielzahl an Lebewesen dafür sorgte, dass schädliche Einflüsse flexibel ausbalanciert werden können, „kippen“ heute immer mehr Ökosysteme, weil der Mensch zahlreiche Tier- und Pflanzenarten schlicht ausgerottet hat.

Apropos Mensch: Was hat das mit Psychotherapie zu tun?

Angesichts der gravierenden Umwelt- und Gesundheitsprobleme kommt auch die Psychotherapie heute nicht mehr umhin, die existenzielle Verwobenheit des Menschen mit der natürlichen Umwelt zu berücksichtigen. So hat die ökologische Krise ihre psychische Entsprechung in der Abspaltung des Bewusstseins von der Natur – und zwar sowohl von der uns umgebenden Natur als auch unserer eigenen, menschlichen Natur. Diese Entfremdung bereitet den Boden für die rasante Zunahme von psychischen Erkrankungen. Man könnte auch sagen: Je mehr die „Biodiversität im Kopf“ abnimmt, desto weniger flexibel kann ein Mensch auf seine Umwelt reagieren und desto eher „kippt“ der Organismus und entwickelt Symptome.

Biodiversität im Kopf?

Es ist ein normaler psychischer Vorgang, dass Erfahrungen abgewehrt werden, die nicht zum eigenen Selbstbild passen. Frei nach dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ sortieren wir unbewusst aus, was wir von uns und der Welt wahrnehmen. Zur psychischen Störung wird das erst, wenn die Wahrnehmung dadurch so verzerrt ist, dass eine flexible Anpassung an die Herausforderungen des Lebens schwierig wird. Um bei der ökologischen Metapher zu bleiben: Das „Ökosystem Seele“ umfasst eine Vielzahl an Gefühlen, Fantasien, Wertvorstellungen, Ideen, Wünschen, Erfahrungen, Zielen usw.. Manche dieser „Gewächse“ sind wie schöne Blumen in unserem Garten, z.B. Liebe, Freude, Ideale. Andere, wie z.B. Hilflosigkeit, Neid oder Hass, betrachten wir vielleicht eher als Unkraut, das lieber aus dem Garten verschwinden sollte. Aber es ist wie in der Natur draußen: erst die Gesamtheit macht ein stabiles Ökosystem aus. Alle unsere Facetten und natürlichen Regungen tragen dazu bei, dass wir beweglich und lebendig bleiben. Wenn die Vielfalt dieser „Lebewesen“ abnimmt (wodurch auch immer), gerät unser seelisches Gleichgewicht aus der Balance. Unser Innenleben wird ärmer, unser Verhalten stereotyper und die Welt erscheint uns eintönig bis bedrohlich.

Nur eine Metapher oder tatsächliche Wechselwirkung?

Steht nicht die Verarmung der Umwelt in direktem Zusammenhang mit der Innenwelt-Verarmung der menschlichen Seele? Beides bedingt sich doch: ein Mensch, der in seiner psychischen Erlebens- und Anpassungsfähigkeit eingeschränkt ist, wird aufgrund seiner mehr oder weniger vorhandenen Kompensations-Mechanismen nur begrenzt in der Lage sein, den Wert der biologischen Vielfalt zu erkennen und vor allem zu empfinden. Umgekehrt und positiv formuliert bietet eine artenreiche Naturlandschaft dem Menschen viele unterschiedliche Qualitäten des emotionalen und sinnenhaften Empfindens. Bewusst erlebte biologische Vielfalt unterstützt zudem die Verwurzelung und das Gefühl der Einbindung – ein menschliches Grundbedürfnis, das in unserer schnellebigen Zeit immer mehr verloren zu gehen droht.

Wie politisch ist Naturtherapie?

Naturtherapie gestaltet Erlebensräume, in denen sich die Klient*innen als Teil der biologischen Vielfalt und eingebunden in den natürlichen Lebensprozess erfahren können. Ebenso wie die unbekannten Tierchen draußen lernen sie auch ihre inneren „Lebewesen“ kennen und schätzen. Naturtherapie schafft also ein Bewusstsein für den Reichtum sowohl der inneren, als auch der äußeren Natur. Auf diese Weise trägt sie gleichzeitig zur Heilung von Innen- wie Außenwelt bei und leistet einen politischen Beitrag für die Vielfalt des Lebens.

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2 Kommentare

  • Sabine Malzbender

    18. Mai 2017 at 15:11 Antworten

    Ja, Therapie und Coaching in der Natur fördern das Selbst-Bewusst-Sein und machen uns deutlich, dass wir eine enge Verbindung zur äußeren Natur haben. Wer diese Verbindung spürt, ist auch bereit, die Natur zu schützen. So ist Naturtherapie gleichzeitig Wellness für die Seele als auch aktiver Naturschutz.

    • Sandra

      18. Mai 2017 at 15:57 Antworten

      Du sagst es, liebe Sabine.

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