Waldtherapie: Wie wir im Wald gesund werden

Waldtherapie: Wie wir im Wald gesund werden

Waldspaziergänge sind mein Beruf. Seit über 20 Jahren gehe ich mit Einzelnen und Gruppen in den Wald, um sie in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Keine wilden Outdoor-Abenteuer, sondern intime Begegnungen mit der Natur, die das Herz berühren und die Seele zum Wachsen verlocken. Für Naturtherapie und Naturcoaching gibt es aus psychologischer Sicht viele gute Gründe. Dass Bewegung an der frischen Luft zudem äußerst gesundheitsförderlich ist, weiß jeder. Weniger bekannt ist allerdings, dass in der Waldluft eine Medizin steckt, die unseren Körper vor Krankheiten schützt und sogar das Wachstum von Krebszellen hemmen kann.

Von der Waldmedizin zur Waldtherapie

Herausgefunden haben dies japanische Waldmediziner von der Nippon Medical School in Tokyo. Bei ihren Untersuchungen zum Gesundheitszustand der japanischen Bevölkerung war ihnen aufgefallen, dass in bewaldeten Gebieten signifikant weniger Menschen an Krebs erkrankten als in unbewaldeten Gegenden. US-amerikanische Studien zeigten zudem, dass Stadtbewohner umso gesünder waren, je mehr Bäume in ihrer Nähe wuchsen. Um den Ursachen dieses Phänomens auf den Grund zu gehen, ersann der japanische Umweltmediziner Prof. Qing Li ein ausgeklügeltes Experiment, das unter Fachleuten weltweit Aufsehen erregte. Aus vorherigen Studien war ihm bekannt, dass schon ein kurzer Waldspaziergang das menschliche Imunsystem ankurbelt. Blutuntersuchungen an Spaziergängern, die einen ganzen Tag im Wald verbrachten, hatten sogar eine 40-prozentige Zunahme der sogenannten „Killerzellen“ sowie eine Steigerung von deren Aktivität ergeben. („Killerzellen“ sind Immunzellen, die z.B. Viren und Tumore bekämpfen. Außerdem töten sie potentiell gefährliche Zellen ab, bevor diese zu Krebs mutieren können.) Der Effekt dieser „Waldtherapie“ hielt eine Woche an. Nach einem zweitägigen Aufenthalt im Wald hatte sich die Anzahl der Killerzellen im Blut der Probanden sogar verdoppelt und blieb 30 Tage lang auf diesem Niveau. Prof. Qing Li vermutete, dass diese Wirkung mit den Inhaltsstoffen der Waldluft zusammen hängen könnte.

Heilung liegt in der Luft

Waldluft enthält nämlich weit mehr als nur Sauerstoff und Kohlendioxid. Über die Luft tauschen die Pflanzen Botenstoffe aus, um miteinander zu kommunizieren. Mithilfe dieser sogenannten „Terpene“ können sie sich z.B. vor Schädlingen warnen, so dass weiter entfernt stehende Bäume schon Abwehrstoffe bilden können, bevor ein Schädling sie befällt. Wenn nun ein Mensch sich im Wald aufhält, atmet er diese Terpene permanent ein. Ob die Zunahme und Aktivität der Killerzellen von den Terpenen herrührt, testeten Qing Li und sein Team quasi unter Laborbedingungen:

Zunächst isolierten sie die häufigsten Terpene aus der Waldluft und luden dann ihre Probanden zu einer Übernachtung im Hotel ein. Während die Testpersonen schliefen, ließen die Forscher in einigen Zimmern die Terpene verströmen. Bei der Blutuntersuchung am nächsten Morgen zeigte sich schnell, wer in einem unbehandelten Zimmer und wer in der „Waldluft“ geschlafen hatte. Wieder waren die Killerzellen der „Waldbesucher“ signifikant erhöht. Aus diesen Erkenntnissen leiteten sie eine neue Form der Gesundheitsprävention und ergänzenden Krankenbehandlung ab: die Waldtherapie, inzwischen in über 50 Waldtherapie-Zentren in ganz Japan fest etabliert.

Verbreitung der Waldmedizin

Der Forschungsbereich der Waldmedizin boomt nicht nur in Japan, sondern auch in den USA, Südkorea, Neuseeland und Russland und schwappt allmählich auch auf Österreich und Deutschland über. Im mecklenburgischen Ostseebad Heringsdorf wird 2017 der erste deutsche Kur- und Heilwald eröffnet. Der Bäderverband sieht v.a. Potential bei der Behandlung von Patienten mit COPD, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas, orthopädischen und psychosomatischen Indikationen. Zukünftig sollen weitere Wälder als Gesundheitsorte ausgewiesen und die Kosten für Behandlungs- und Präventionsangebote im Wald von den Krankenkassen übernommen werden (wie in Neuseeland). Zwei Fachgesellschaften zur Förderung der Waldtherapie haben sich auch schon gegründet: Mensch & Wald sowie die Deutsche Gesellschaft für Naturtherapie, Waldmedizin und Green Care wollen mit ihren Angeboten zur weiteren Verbreitung und Professionalisierung der Waldtherapie und Waldmedizin beitragen.

Was ist der Unterschied zwischen Waldtherapie und Naturtherapie?

Aus dem bisher Gesagten erschließt sich, dass es für die positive Wirkung der Terpene auf den Organismus ausreicht, sich einfach nur im Wald aufzuhalten. Bei der „Waldtherapie“ ist also der Aufenthalt im Wald schon die ganze Therapie. Unter „Naturtherapie“ verstehe ich hingegen eine Form der Psychotherapie, die das bewusste Naturerleben für Zwecke der seelischen Heilung und Entwicklung nutzt. Waldtherapie kann man auch allein machen; für eine Naturtherapie braucht es jedoch die professionelle Begleitung durch eine/n Therapeut/in. Und schließlich findet die Waldtherapie nur im Wald statt, während die Naturtherapie auch andere Landschaftstypen einbezieht.

Shinrin Yoku

In Japan gibt es seit den 1980-er Jahren eine spezielle Form der Waldtherapie: das „Shinrin Yoku“ (zu deutsch „Baden in der Waldluft“), das auch in Deutschland zunehmend Verbreitung findet. Neben dem bloßen Aufenthalt im Wald lasse ich in meine Shinrin Yoku-Spaziergänge zusätzlich Elemente der Achtsamkeitspraxis einfließen, um den Teilnehmenden wirksame Werkzeuge zur Stressbewältigung an die Hand zu geben, die sie auch im Alltag nutzen können. So sind am Ende eines Waldbade-Tages Körper, Geist und Seele wieder im Einklang und können es auch lange bleiben.

Weitere Informationen:

TV-Doku „Therapie unter Tannen“ auf 3Sat

Buch „Der Heilungscode der Natur“ von Clemens Arvay

Original-Studien von Prof. Qing Li (auf englisch)

 

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