Nahrungsmittelunverträglichkeit – ein Segen!

Nahrungsmittelunverträglichkeit – ein Segen!

Allergie gegen bzw. Unverträglichkeit von Brot, Brötchen, Nudeln, Käse, Yoghurt, Milch, Butter, Sahne, Erdnüsse, Senf, Eier, Haselnüsse, Marzipan, Milchschokolade, Plätzchen, Kuchen, Pizza, Paprika, Cashewnüsse, Kiwi und eigentlich auch noch Knoblauch und Zwiebeln. Was so klingt wie die Allergieliste einer mittleren Kleinstadt, vereint sich leider auf nur eine Person. Mich.

Sechs Monate lang habe ich mich mit ständigen Bauchschmerzen geplagt, bevor ich im September endlich meine Ärztin aufsuchte. Nach einigen sehr kostspieligen Laboruntersuchungen stand fest: ich habe eine ganze Reihe von Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten entwickelt, darunter Gluten und Milcheiweiß. Da ich ohnehin seit 20 Jahren Vegetarierin bin, wurde mein Speiseplan dadurch plötzlich sehr schmal.

Was isst man als glutenfreie Veganerin?!

Zu Anfang tatsächlich sehr wenig. Wenn mich der Hunger überkam, hatte ich nie das Richtige im Haus. Bei meinem ersten Restaurantbesuch nach der Diagnose musste ich fast weinen, weil ich nichts von den leckeren Sachen auf der Speisekarte essen konnte. Ich hungerte oft und verlor innerhalb weniger Wochen 6 kg Gewicht. Meine Stimmung war auf dem Tiefpunkt angelangt als ich realisierte, dass meine sämtlichen Leibspeisen ab nun für mich tabu waren. Ein trost- und freudloses „Dahinveganieren“ erwartete mich…

Alles hat zwei Seiten

Doch dieser Artikel hätte nicht das Wörtchen „Segen“ im Titel, wenn die Nahrungsmittelunverträglichkeit nicht auch etwas Gutes hätte. Die andere Seite der Medaille entdeckte ich im Pfalz-Urlaub mit meiner Familie: Für das Abendessen hatten wir uns extra ein Restaurant empfehlen lassen, wo es auch einige vegetarische Gerichte gab (im Land von Saumagen und Blutwurst keine Selbstverständlichkeit!). Trotzdem war es mir peinlich, die Bedienung mit meinen Sonderwünschen zu behelligen. Ich wollte nicht zu diesen komplizierten Essern gehören, bei denen jeder Koch genervt die Augen verdreht. Aber, oh Wunder, nichts davon geschah! Die Kellnerin beriet mich stattdessen freundlich und bot an, das Gericht nach meinen Bedürfnissen zu ändern. Für die nächsten Abende schlug sie gleich noch passende Speisen vor und ließ keinen Zweifel daran, dass sie alles möglich machen würde, damit ich mich in ihrem Restaurant wohl fühlte. So viel Fürsorge war ich nicht gewohnt! Bei der Arbeit ging es so weiter: Im Seminarhaus bekamen meine Seminarteilnehmer das eine Essen und ich immer etwas anderes. Auch hier keine Spur von Verärgerung bei unserer lieben Köchin. Und ich genoss das Umsorgt-werden in vollen Zügen! Ohne die Unverträglichkeiten wäre mir dieses kuschelige Gefühl der Bemutterung entgangen.

Gewohnheiten ändern sich

Bald kannte ich eine Reihe von Ersatzprodukten, die meine Möglichkeiten enorm erweiterten (z.B. glutenfreie Backmischungen oder Sojamilch-Produkte). Eigentlich mochte ich Kochen nie sonderlich und griff auch gerne mal zu Fertiggerichten, wenn es schnell gehen musste. Das geht nun nicht mehr, denn Fertiggerichte enthalten garantiert Gluten oder Milch. Also muss ich mir jetzt Zeit nehmen, um meine Mahlzeiten zu planen und vorzubereiten und entdecke darüber gerade eine neue Freude am Kochen. Ich experimentiere seitdem viel und bin dementsprechend gespannt darauf, wie es schmeckt. Neugier und Offenheit stellen sich ein – die wichtigsten Voraussetzungen für Achtsamkeit. Ja, ich esse nun bewusster und genussvoller, dank Unverträglichkeit.

Eine weitere Lektion lerne ich v.a. jetzt in der Vorweihnachtszeit, wo überall Marzipan und Schokolade locken: Meine Gier verabschiedet sich. Während ich vor der Diagnose durchaus maßlos im Konsum von Süßigkeiten sein konnte, habe ich jetzt genügend triftige Gründe, um dem allen zu widerstehen. Da ich sie nicht essen kann ohne Bauchschmerzen zu bekommen, lässt mein Interesse an Plätzchen & Co. stark nach. Der Zucker-Entzug macht möglich, was ich früher nie nachvollziehen konnte: ich esse ein einziges Stückchen Zartbitter-Schokolade und es genügt mir!

Der Lohn ist Achtsamkeit

Fast finde ich es schade, dass meine Ernährungsumstellung nach 6 Monaten schon wieder vorbei sein soll. So lange dauert es laut meiner Ärztin bis sich der Darm beruhigt hat und wieder etwas Milch und Gluten verträgt. Ob ich dann wieder in alte Gewohnheiten zurück fallen werde? Ich denke nicht. Denn diese Zeit hat schon jetzt viele Früchte getragen, die ich nicht mehr missen will.