Selbstmitleid stinkt!

Selbstmitleid stinkt!

„Ich brauche mal jemanden, der mir ordentlich gegen das Schienbein tritt!“, antwortete diese Woche eine Klientin auf meine Frage, wie ich ihr helfen könne. So etwas höre ich öfter. Man stelle sich vor, ich  würde diesen Wünschen tatsächlich nachkommen! Dann würde ich ständig Tritte in den Hintern oder gegen das Schienbein austeilen, Leute „mit harter Hand anfassen“ und ihnen „den Kopf zurecht rücken“. Was für eine brutale Vorstellung! Vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Menschen eigentlich gekommen sind, weil es ihnen ernsthaft schlecht geht und ihre Seele Hilfe braucht. Statt sich aber um ihre Verletzungen liebevoll zu kümmern, wünschen sie sich noch mehr Tritte und Schläge. Warum?

Natürlich gibt es in jeder Biografie gute Gründe, warum Menschen so mit sich umgehen. Meistens haben sie es von ihren Eltern gelernt. Eine Botschaft, die dabei seit Generationen weiter gegeben wird, lautet:

Bloß kein Selbstmitleid!

Wer Mitleid mit sich selbst hat, ist demnach ein egoistischer Jammerlappen, der sich hängen lässt. Wer Selbstmitleid fühlt, fällt anderen zur Last, statt seine Probleme pragmatisch anzupacken. Selbstmitleid hat irgendwie einen ekligen Beigeschmack. So kommt es, dass niemand es haben will. Der Preis ist leider, dass man die Augen vor seinem eigenen Seelenschmerz verschließt. Viele Menschen harren viel zu lange in schlimmen Zuständen aus, ohne sich adäquat um sich selbst zu kümmern. Würden Sie jemandem, der eine große blutende Wunde hat, gegen das Schienbein treten, damit er sich mal ordentlich zusammenreißt? Vermutlich würden Sie ihn eher weich betten und seine Wunde vorsichtig verbinden wollen. Genauso sollten wir es mit unserer eigenen Seele tun, denn deren Wunden sieht oft niemand, außer wir selbst.

Ja, die Macht der Normen. Selbstmitleid stinkt, Eigenlob sowieso. Wir sollen also weder unsere Schwächen ernst nehmen, noch unsere Stärken. Weder uns selbst trösten und versorgen, noch stolz sein und feiern. Ja, was denn dann?

Ein guter Ort, um Selbstmitgefühl (wie es heute hübscher heißt) zu kultivieren, ist übrigens die Natur. Schon Friedrich Nietzsche wusste: „Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.“ Draußen in Wald und Wiese können wir die einschränkenden Normen getrost hinter uns lassen und uns so spüren, wie wir in Wirklichkeit sind. Trauer und Leiden haben dort ebenso ihren Platz wie Freude und Stolz. Die Bäume kümmert es nicht, ob wir schluchzend oder jubelnd unter ihnen sitzen. Während es in menschlicher Gesellschaft oft nicht so leicht ist, zu den eigenen Gefühlen zu stehen, können wir draußen unsere menschliche Natur leichter annehmen. Und ist das nicht der heilsame Balsam, den unsere Seele braucht?