Psychotherapie: Vorurteil und Realität

Psychotherapie: Vorurteil und Realität

Auch wenn über seelische Probleme heute offener gesprochen wird – über Psychotherapie kursieren immer noch jede Menge Vorurteile:

Vom Reden allein verschwinden keine Probleme

Dass Psychotherapie wirkt, ist seit langem wissenschaftlich bewiesen. Je nach psychotherapeutischem Verfahren liegt der Schwerpunkt der Gespräche auf Gefühlen, Gedanken, Lösungen, Zusammenhängen uvm.. Einige Verfahren beziehen auch den Körper oder spezielle Erlebnisse mit ein, die das Gespräch um weitere Dimensionen ergänzen (z.B. Malen, Tanzen oder Naturerleben).

Wer zum Psychotherapeuten geht, ist zu schwach, um sich selbst zu helfen

Viele Menschen trauen sich nicht zur Psychotherapie, weil sie Angst davor haben, vor sich selbst und anderen als Versager dazustehen. In anderen Lebensbereichen ist es ganz normal, sich Rat und Hilfe zu holen, z.B. beim Hauskauf oder in Steuerfragen. Gerade in Bereichen, die eine viel größere Auswirkung auf die Lebensqualität haben, sollten Sie es sich wert sein, eine Expertin hinzuzuziehen. Denn: Gerade wer sich Hilfe holt, zeigt, dass er verantwortungsbewusst mit sich und seinem Leben umgehen kann.

Psychotherapie ist nur etwas für „psychisch Kranke“

Psychotherapie ist für alle Menschen, die sich eine „seelische Begleitung“ (so die wörtliche Übersetzung) wünschen. Nur die Krankenkassen bzw. unser Gesundheitssystem definieren Psychotherapie als eine Behandlung psychischer Krankheiten. Daher bezahlen die Kassen nicht jede sinnvolle Psychotherapie, sondern nur diejenigen, bei denen eine medizinische Diagnose vorliegt. Am besten fragen Sie Ihre Ärztin oder Therapeutin, ob Ihre Psychotherapie von der Krankenkasse bezahlt werden kann.

Psychotherapeut/innen haben selbst „einen an der Waffel“ und verhalten sich merkwürdig

Die meisten Psychotherapeut/innen haben selbst eine schwierige Kindheit oder schwere Schicksalsschläge erlitten. Durch die erfolgreiche Bewältigung ihrer Probleme und eine fundierte Ausbildung sind sie in der Lage, andere Menschen kompetent zu begleiten. Es kann sein, dass Sie manche Verhaltensweisen oder die Art zu sprechen ungewohnt finden. Im Erstgespräch können Sie herausfinden, ob Ihnen die Therapeutin trotzdem sympathisch ist. Wenn nicht: suchen Sie jemand anderen!

In der Psychotherapie wird man unbemerkt manipuliert und verliert die Kontrolle

Das würde voraussetzen, dass jemand anderes Ihre Probleme lösen könnte. Das können jedoch nur Sie allein. Sie behalten daher immer so viel Kontrolle, wie Sie haben wollen. Manchmal tut es auch gut, die Kontrolle einmal abzugeben und sich fallen zu lassen. Eine gute Therapeut/in wird sie dann wohlwollend und unterstützend auffangen.

Bei Ängsten hilft am besten eine Verhaltenstherapie, bei Trauma eine Traumatherapie

Das wird oft so dargestellt, ist aber wissenschaftlich nicht haltbar. Wirksam kann jedes psychotherapeutische Verfahren sein. Denn letztlich hängt der Erfolg viel mehr von den Überzeugungen der Beteiligten und ihrer Beziehung ab als vom gewählten Verfahren. In diesem Blogartikel erfahren Sie mehr: Welche Therapierichtung ist die richtige?

Eine Psychotherapie dauert mehrere Jahre

Die Dauer hängt mit Ihrer Veränderungsbereitschaft und mit dem psychotherapeutischen Verfahren zusammen. Das langwierigste Verfahren ist sicher die Psychoanalyse mit mehreren hundert Sitzungen, das kürzeste wohl die „lösungsorientierte Kurzzeittherapie“ mit ca. 25 (weniger als 25 Sitzungen fallen eher in den Bereich „Coaching“). Wobei kurz nicht immer gut ist:  Wenn nur an Symptomen gearbeitet wird, ist die Ursache noch nicht behoben und die Schwierigkeiten treten evtl. wieder auf.

Der Patient liegt auf der Couch, der Psychotherapeut sitzt dahinter und schreibt

Das ist das klassische Bild einer Psychoanalyse, wie man es aus Filmen kennt. Tatsächlich aber verschwindet die Couch zunehmend aus den Therapiezimmern und kommt heute auch bei Psychoanalytikern nur noch bei Bedarf zum Einsatz. Zugunsten eines persönlicheren Kontakts verzichten viele Therapeuten auch auf den Notizblock und schreiben ihre Dokumentation lieber nach der Sitzung.

Die Psychotherapeutin könnte meine Geheimnisse ausplaudern

Verschwiegenheit gehört sowohl bei Psychotherapeut/innen als auch bei Heilpraktiker/innen für Psychotherapie zu den grundlegenden Pflichten der Berufsordnung. Ein Verstoß dagegen kann empfindliche Strafen nach sich ziehen. Therapeut/innen sind dazu verpflichtet, niemandem die Namen ihrer Klient/innen zu nennen und auch sonst alles zu tun, um deren Anonymität zu wahren. Eine Ausnahme bildet die Ankündigung von Straftaten sowie akute Eigen- oder Fremdgefährdung. In der Supervision dürfen Fälle nur so besprochen werden, dass die Identität der Klient/innen geschützt bleibt.

In der Psychotherapie wird man zur Einnahme von Psychopharmaka überredet

Medikamente verschreiben dürfen nur Ärzt/innen, z.B. ärztliche Psychotherapeut/innen oder Psychiater/innen. Heilpraktiker/innen für Psychotherapie sowie psychologische Psychotherapeut/innen stehen Medikamenten nicht so nahe und empfehlen sie dementsprechend seltener. Bei manchen Störungsbildern können Psychopharmaka die Psychotherapie durchaus unterstützen. Grundsätzlich bleibt es aber immer Ihnen überlassen, ob Sie einer Empfehlung folgen möchten oder nicht. In der Psychotherapie können Sie das Für und Wider abwägen und zu einer selbstbestimmten Entscheidung gelangen.

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